Wohin

Rauf oder runter,
die gewendelten Stufen
im Turm.
Aufwärts, zum Licht,
hinab, ins Dunkel

Zur Spitze,
furchtlos, schwindelfrei.
In die Tiefe,
achtsam, erdverhaftet.
Sturzgefahr
in beiden Richtungen

Der letzte Weg führt
abwärts nach oben

außer sich

Sprecher: Götz van Ooyen

Artisten im Rampenlicht

Zu balancieren scheinen sie
über staunenden Halmen
wie Artisten
im Rampenlicht
silberhell
voller Klarheit

Unmerklich sichert
das filigrane Netz
die Tautropfen
wie die Illusion
von Leichtigkeit
und Zauberei

Gesponnen in der Webstube
der Natur, ihren Gesetzen
gemäß, überstiegen
nur von der Phantasie
in dir und mir
und irgendwem

kostbar und so verletzlich

Sprecher: Götz van Ooyen

Wie parliert man mit Sherlock Holmes

Eben war er noch,
ich hab’s doch gesehen,
zügig eilte er,
von rechts, da, von rechts kam er,
dann verstellte ein Laternenpfahl die Sicht,
fort – verschwunden ist er jetzt.
Sowas Dummes, zu gern hätt‘ ich ihm zugerufen
Mr Holmes, I presume?

Nein nein, es ist gut, ist
besser so.
Mein Gott, was, wenn
mal angenommen, er hätte mich bemerkt
gesehen geantwortet,
was wohl, wie, also ich weiß
gar nicht, was ich hätt‘ sagen
sollen, können

Wie parliert man mit Sherlock Holmes?
Da, schon falsch, unpassend,
parlieren mit einem Mann, der beständig
denkt, objektiv beobachtet, logisch
schlussfolgert, nüchtern
jegliches durchschaut,
auch einen hohlen Zuruf – Sind Sie’s, Herr Holmes,
als ob er das nicht wüsste

Ich glaub, er war’s gar nicht.
Wie peinlich, Hallo Herr Holmes,
und er ist es überhaupt nicht.
Gut, dass er vorüberging ohne
aufzumerken wortlos stumm  

Glück gehabt
obwohl

Sprecher: Götz van Ooyen

Siesta noruega

Nur mal sitzen,
sitzen
und rein gar nichts tun,
die Obhut, das Haus,
die Mauer, blumengespickt,
im Rücken

Vor unseren Augen
die Landstraße, die für Abwechslung sorgt,
langweilig soll es ja nicht sein, nein nein:
jede Stunde etwa zieht jemand vorüber, 
zu Fuß – das gibt’s, mit dem Rad, auf dem Pferd,
auf einem Drachen, einer Maus, einem flatternden Papagei

Jetzt ist es aber gut,
man wird ja noch ganz trollig

(Foto: Detlev Hoffmann)

Sprecher: Götz van Ooyen

Das Faultier

Da häng ich
geruhsam an Lianen und an Zweigen.
Schau
dem Fortschritt des Mooswuchses zu

Niemals, wirklich niemals
würde ich den Schnecken unter mir
nacheifern,
die gelegentlich vorbeieilen, ja hetzen

Wo wollen sie nur hin ohne Rast und Ruh?

Haben sie noch nie von der Endlosigkeit
des Augenblicks gehört –

von der kontemplativen Frucht
der Langsamkeit

Ach, sei’s genug

Wahrlich,
hab viel gedacht, gar nachgedacht

Adieu –

mein Blick verträumt, schläft ein
im grünen Schleier des Geästs

Gute Nacht!

(Foto: Detlev Hoffmann)

Sprecher: Götz van Ooyen


Himmelwärts

Himmelwärts die Augen,
dem Gebäude starr entgegen,
vornübergebeugt, mustert es
das, was unten ist,
so scheint es und so ist es

Der point de vue verliert sich
im Ungewissen des Geschehens,
von Ahnungen und Fragen,
beklemmenden Gedanken,
die abzuschütteln das Beste wäre

Warum breitet sie sich aus,
die düstere Szene, nimmt uns
in Besitz, unweigerlich?
Schöner, leichter wäre es ohne sie,
ehrlich aber nicht

Sprecher: Götz van Ooyen

Man denkt, Paris

Man denkt, man sei in Paris
oder Wien.
Schwarz-graue Tristesse
rührt an
Archetypen,
weckt Echos einstiger Impressionen

Flaneure am Ufer der Seine,
säuselnd Jeanne d’Arcs Seelenhauch,
bouquinistes, Mengen bedruckten Papiers,
von Händen verlesen,
musette in den ginguettes,
das Akkordeon schiebt Walzer, zieht Paare
auf’s Parkett, schwermütiges Glück,
lastvergessene Lust,
unewig, doch hypnotisch immer wieder
as Rad, es bewegt sich, kreist, verschwingt,
il y a tout ce que vous voulez

im Wirbel der Pirouetten
tanzender Gondeln,
am Praterrad, zur Musik
des Straussdreiviertlers in Donaunäh,
Sprung in den Fiaker, Galopp,
getrieben vom Furor des Es,     
das Ich hält mühsam die Bahn,
gezügelt vom nörgelnden Über-Ich,
Fahrt rasant ins Café Hawelka,
Debatten sprühenden Intellekts
bei Buchteln, G’spritzn weiß

über den Kanälen, Katakomben
der allzeit Miserablen
entlang der Bänke des Flusses,
nahe der abbey, commons, lords,
Messiasklänge great bell,
Millennium Wheel, London, UK

Sprecher: Götz van Ooyen

Augäpfel und Raumkapseln

Honiggelbe Augäpfel, dunkle
Pupille zentral, von lila Linsen
eskortiert, schweben als Formation,
surreale Szenerie
im Labor des Weltenschöpfers

Sofern der geneigte Leser
linkskippend sich wie ein solcher verhält
erkennt er hängend Lampen –
ach, das ist’s

Doch das, was ist, erscheint
als Ergebnis einer Perspektive.
Andere Perspektiven
neue Welten

Dann ziehen also doch
Raumkapseln
fremder Wesen durch ferne Galaxien,
oder sind sie es gar selbst?

Am Rande des Parks

Blattwerk im Dunklen,
spärlich beschienen,
am Rande des Parks

Beschleunige meinen Schritt,
sporne mich an,
sicher ist besser, besser ist sicher

Vertreibe die Gespenster in meinem Kopf,
gehe mit festem Schritt, doch gelassen,
zeige Kontur, Statur, Unnahbarkeit

Bin auf der Hut zugleich, lass
Vor-Sicht walten, von begrenztem Nutzen,
wenn nichts zu sehen ist

Da hilft nur Lauschen,
Wittern, Ahnen, angespanntes
Lauern verkümmerter Sinne

Aufatmen, wenn die Tür ins Schloss fällt

Sprecher: Götz van Ooyen

Die schmale Enge

Da
geht’s durch
die Enge
zurück
gibt es nicht
bedrückend
die Angst
schnürt Atem ab
ein Fuß nach
dem anderen
Schritt
für Schritt
keine Aussicht
heißt nicht
aussichtslos
Halt durch
Glaube
ans Licht
an Dich

Sprecher: Götz van Ooyen