Bittersüßer Nachtschatten


Wortklang, Nachhall,
Traumgespinst

Gedanken spielen, schweben
ein, nicht recht zu greifen,
gefangen nehmen sie,
reizen die Phantasie,
in mir, in dir

Bittersüßer Nachtschatten,
voller Ambivalenz,
grazile Anmut und der Todesstoß,
lindernde Arznei, schleichendes Gift,
Flügel der Liebe, Sturz in den Schmerz

o Romeo and Julietbittersweet,
Drama der Schattennacht

Sprecher: Götz van Ooyen

Schwarze Holunderbeere

Dort, wo sie ihre Heimstätte wählt,
soll sie am besten gedeihen.
Überlass ihr den Platz, gewähr Asyl,
dein Schaden wird’s nicht sein

Schweres Aroma
voller Süßlakritz,
gute Geister, flüsternd im Gezweige,
heilt er, der Holler

Sambucus nigra,
Hort der Magie, Tor zum Jenseits,
verdorrend den Tod verkündet er,
Teufelszeug, der schwarze Holunder

Nah beieinander Segen
und Fluch, widerstreitend
in Beeren, Blatt und Blüte,
Überlieferung, Glaube, Erkenntnis

Sprecher: Götz van Ooyen

Finster

Kastanien Laub Baumfruchtreste
das Leben gelebt,
vom Zu-Fall gegriffen,
verteilt auf dem Boden der
Dunkelwelt

Schritte, knirschend, sind zu hören,
nähern sich

der Wächter ist’s
oder Hieronymus Bosch auf
seinem späten Gang,
umtanzt von Dieben Fabelwesen und
Dämonen

Schau nicht auf, schließ besser deine Augen,
man muss nicht alles sehen, nicht alles wissen

Sprecher: Götz van Ooyen

Jack in the box

Weißgrau silbernd
die urbane Silhouette, Hauptrollen
gewöhnt, begnügt sich widerwillig,
mürrisch mit schlichter Statisterie

Holztruhen massiv
laufen ihr den Rang ab, dunkle Gesellen
eines unbekannten Reichs, Bilder Bücher Kuriosa
fesseln Krämer Käufer Krakeler

Des Nachts
geckernd buntes Volk den Truhen entweicht,
Protaginisten angehäufter Gazetten Trödeleien,
malerische Gestalten, schillernde Helden,
krude Übeltäter

Trubel des Absurden
man tanzt, verrenkt sich, wirbelt jede mit jedem
zu lautloser Musik, nicht eine Vergangenheit ohne
Schuld, schneller schneller, Irrwitz in Trance –
Zusammen Bruch im Erwachen des Morgens

Versteinert schaut die Diva zu       

Sprecher: Götz van Ooyen

Blocked

Gitterstäbe unzählige
auf der Erde
sperren aus, sperren ein

eintönig zumeist, manchmal
unsichtbar, lieblos immer gebieten,
blocken sie ab, kalt und eisern

das Vordringen zum geöffneten
Waggon, ins Gebiet der Ungefangenen,
Glück und Freiheit

verzweifelt, ins rettende Land

hinter dem Zaun

wo
stehst du,
diesseits oder drüben

Sprecher: Götz van Ooyen

Gebrochene Rechte, zerbrochene Kinder

Jedes Kind
hat ein angeborenes Recht
auf Leben, sagt die UN.
Jede Stunde
stirbt eine Schulklasse
in Afrika durch Gewalt.

Eines jeden Kindes
Überleben und Entwicklung werden
größtmöglich gewährleistet, sagt die UN.
Jedes fünfte Kind
auf diesem Planeten lebt mit
Krieg oder bewaffneten Konflikten.

Das gebrochene Recht auf Leben dieses Kindes,
Tod, Verletzung, Unterdrückung,
statt Gesundheit, Fürsorge, Freiheit –
roh toben sich Ungeist Unbarmherzigkeit
Unmenschlichkeit aus.

Weißt du, warum
das so ist,
was zu tun wäre?
Sag nicht, es sei zu kompliziert –
das ist es nicht.

Sprecher: Götz van Ooyen

Utopie

Kids eat for free.
Everyday all day.
Hinweis, Restaurant, London 2015

Angenommen
dieser Traum wäre
Realität
überall
weltweit
jederzeit

fact news
würden zu
fake news –

alle 10 Sekunden etwa
verhungert ein Kind,
über 800 Millionen
Menschen sind unterernährt

Terre des Hommes

Wann!

Sprecher: Götz van Ooyen

Appell

Fahrrad im Halbdunkel der Straße.
Abgestellt.

So ergeht es vielen.
Dingen wie Menschen und
so manchem Tier.

Das Rad, es kann’s ertragen.
Es weiß, sein Besitzer ist auf ein Gläschen
oder zwei dort, wo Räder nicht erwünscht sind.
Die Heimfahrt wird meist lustig.

Das ist anders –
als bei Alten, Kindern,
Katzen, Hunden, für die der Abstellraum
zur Endstation geworden ist.

Wollen wir uns verabreden?
Nicht um zu weinen,
nicht nur,
lass uns helfen.

Allein wären wir nicht,
es nähert sich eine Klingel mit Rad.

Sprecher: Götz van Ooyen

Friede

Schottland, Urquhart Castle,
in Ruinen

Verhallende Echos dringen an mein Ohr –
hör das Geklirr der Waffen streitender Kämpfer,
Stampfen der Rosse, Schreie der Wut,
der Anstrengung und des Sterbens

Spielball der Mächte – die Burg wie die Menschen dereinst

Heute besänftigt das Idyll grün geschwungener Hügel,
verlassen zwar, doch frei von Unheil und Tod.
Gedenke des einen, einzigen Lebens,
das wir, das alle haben

Ach, Friede –
verliebe den Krieg in dich

(Foto: Detlev Hoffmann)

Sprecher: Götz van Ooyen

shopwindowmannequins

Die Neuen Anderen
Glattwerk kühl
Nim.mer.mü.de Hu.ma.no.i.de
Per.fek.te Ap.pa.ra.tu.ren
Vom Menschen gemacht

No.ch

eilfertig, beflissen, apart
in care production support
service governance and art

Sind sie das –
wann schlägt es um
in Grauen,
wann haben wir sie,
w.ir eu.ch satt?

We.r  we.i.ß.

Sprecher: Götz van Ooyen