Familienausflug


Drei Boote
in ruhigem Fahrwasser,
Wasserspiegel eben und glatt.

Wie ein Familienausflug
halten sich, an den Seilen gefasst,
das Kind, voran, Mutter, Vater, hinterdrein,
Kernfamilie, Sonntag nachmittag.

Ein nostalgisch verklärtes Bild –
jeder weiß es.
Wie war das mit dem sonntäglich
mißmutig hinterherzottelnden Kind?

Was ist mit der Großfamilie,
Patchwork-, Regenbogen-,
Einelternfamilie, der Pflegefamilie,
dem Kibbuz und der Kommune?

Differenzen, ja.
Doch gilt, was das Bootsbild
zeigt – Zusammenhalt, Verbindung, Harmonie,
unverzichtbar im Fluss gemeinsamen Lebens.

Und es wirft Fragen auf.

Margaritenblum

Wimmelbild.
Auf der Wiese dicht an dicht,
weißgelbgrün,
eine Perle, margarita, in sich bergend,
tritt sie in Gemeinschaft auf

Lindernd, heilsam
soll sie sein, so wird erzählt,
Schicksal spielt sie in der Liebe

Effeuiller la Marguerite:
elle m’aime, un peu, pas du tout,
Herzschlag auf Herzschlag
ihrer Blütenblätter beraubt,
sinkt sie dahin, vergeht

Ach, hätt‘ doch jemand
eine Margerite für mich,
dies liebenswerte Geschöpf,

hegen, pflegen, umsorgen
würd‘ ich sie, ihr einen Namen geben,
mit ihr sprechen,
leben
bis ans Ende meiner Tage

Sprecher: Götz van Ooyen

Taglilie

Für einen Tag nur,
leuchtend rot wie gelb,
blendet ihre Blütenpracht

Tags darauf
öffnen sich weitere Knospen, Stängel,
kluge Verstetigung der Blütenfolge,

sommers über Monate, täglich,
Jahr für Jahr lässt sie harmonisch
das Eine ins Andere greifen

Der Mensch, begabt, wie er ist,
denkend, fühlend, betend,
zum Mond fliegt er und noch viel weiter,

ob er von ihr zu lernen vermag?
Das wäre so wunderbar wie sie selbst

Sprecher: Götz van Ooyen

Scabiosa

Wie Lampions im Wind,
Schwämmen gleich
im Ozean, scheinen sie
zu schwanken, zu treiben,
obzwar gehalten, gegründet
von gräsernen Stängeln

In Wahrheit nun
siedeln sie an Land,
weiß, violett,
Scabiosa, Kardenpflanze,
kratzig, krätzig,
in zartem Pastell

Das Schöne, scheu, entzieht sich gern,
weit hinaus ins All,
dorthin, wo ein Asteroid auf seiner Bahn
irgendwo zwischen Mars und Jupiter hängt
und den Namen (1228) Scabiosa trägt

fernab und doch so nah in einem

Sprecher: Götz van Ooyen

Vogelbeere, Herbst I

Gürmsch, Gürgetsch, Wiismehlbomm,
fremde Laute stolpern über die Zunge,
klingen nach in den alten Namen der Vogelbeere

Kleiber, Gimpel, auch die Mönchsgrasmücke,
kümmert‘s nicht, ihr Begehr, winz’gen Äpfeln gleich,
lädt rotbackig zum Verzehr

Vogelbeere, Herbst II

Hunger gestillt, der Strauch tritt zurück,
fügt sich ins bunte Gehölz,
den lichten Hain

Ein kurzes Innehalten, Lauern,
steil katapultiert
vom Wipfel in die Höhe

Vogelbeere, Herbst III

Flieg – flieg über das Wasser hin,
Wolken unter, Wolken über dir

hinauf – hinauf ins Spiegelblau,
klar und kühl, ins Farbenmeer tauchend

Ein letztes Mal.
Es ist Herbst,
man ahnt den Winter

Sprecher: Götz van Ooyen

Blätter

Wie einfach die Natur dies löst,
abgestorbene Blätter
mitten unter den lebenden,
Grün und Braun ein Ganzes,
unterm Baum miteinander vermengt

Eines Tages verweht sie der Wind

Irgendwann muss man loslassen

Sprecher: Götz van Ooyen

Waldweidenröschen, verblüht

danse, toi belle

Dreh dich dreh dich
dreh dich im Tanz

kreisel dich frei
in der pirouette

anmutig gleitest du
übers parquet

im port de bras
strahlst du bereit

für eine weitre valse
die dich freit

dreh dich dreh dich
im Lichterglanz

Sprecher: Götz van Ooyen

Die Klinke

Alte Landkirche
Nordjütland

Poliert von tausend Händen
mit dem Türblatt vereint
gealtert im türkisfarbenen Pigment

gibt sie den Weg frei, öffnet, lädt ein
verschließt, weist ab, versperrt

Ankunft Abschied Wiederkehr
Geburt Leben Tod

Die Klinke –
damals vom Meister
kunstvoll geformt

wie ein Integral
Summen-Zeichen
des Lebens

Sprecher: Götz van Ooyen