stadtwittern

Ein poetisches Projekt über die Stadt, ihre Orte, Wege, Plätze.

Über Eindrücke, Gefühle, Gedanken.

Über Dasein, Abtauchen, Getriebenwerden.

Über Lebensentwürfe, Nischen, Brüche.

spring!

Hey –
spring

ins Feld
ans Licht
hinauf zur Sonne
über Wolken Berge Täler
Länder Grenzen Kontinente

spring
über deinen Schatten
brich
auf, der Knospe gleich,
zu neuen Horizonten

spreng
ab die Fesseln
des Öden Hinderlichen
von Furcht und Angst
und zögerlicher Behäbigkeit

spring
it’s springtime now
der Frühling
er ist da
frisch und klar

Neubeginn –
wie jedes Jahr

Bohlweg im Regen – eine Impression

Menschen eilen,
ob in der Spur, ob außerhalb,
den Bohlweg hinauf, hinunter,
Fahrzeuge im Wirbel der rush hour,
das Areal summt und brummt
vor Geschäftigkeit,
als Tropfen, vereinzelt,
auf die Erde niederfallen

Sie hinterlassen Tupfen
auf Pflaster, Wegen, Schultern, den Frisuren,
werden bemerkt nur von denen,
die mit Muße flanieren, im Café sitzen,
leuchtend rieselnde Münzen im Blick,
Lichtreklame aus einer Zeit,
als man zum Kaffeegenuss das Tolle
suchte und fand

Das Tropfenspiel wandelt sich
zum Regenguss,
aufgeregt stieben die Menschen
auseinander,
drängen unter schützende Markisen,
Schirme, in Eingänge, Flure, Nischen,
die Fußwege menschenleer,
Atempause durch Naturgewalt

Des Regens lange Fäden ziehen umher,
vorbei an Silhouetten von Bäumen,
Kachelfassaden, Arkaden, Häuserfronten,
wasserzischenden Fahrzeugen,
Pfützen bilden sich, ganze Lachen,
Ampeln schalten auf Rot,
die Welt steht still, plötzlich,
für einen Moment

In das Trommelgeräusch von Donner und Wolkenbruch mischen sich
dumpfe Laute, wie von ferne schallt das Rammen
hölzerner Pfähle, Zugpferde wiehern, stampfen auf,
Rufe rauer Stimmen wehen aus der Flussaue heran –
Regentropfen als Boten der Erinnerung
und Spuren der Vergänglichkeit
in einem

Die Ampel springt auf Grün,
tröpfelnd versiegt der Regen,
die Menschen atmen auf, jagen
der verlorenen Zeit hinterher.
Hat jemand die Echos der Vergangenheit
vernommen, staunend erkannt,
auf welchem Grund der Bohlweg ruht?

Es wäre anders als zuvor,
das Gehen, Queren, Laufen –
immer im Regen, und dann ganz gewiß,
würden sie aufsteigen,
die Erinnerung und die Frage,
wo wir sind,
wer wir sind

Menschen, irgendwo auf den Sprossen
einer schier endlosen Leiter durch Raum und Zeit

Der Zaun

Ein Staketenzaun.
Schutz, Abgrenzung, Hindernis.
Ort beiläufiger Gespräche,
längeren Verweilens, verstohlener Blick
hinüber

Verbund knorriger Individuen,
aneinandergereihter runzeliger Latten,
was alles mögen sie gesehen haben
oder gehört

Unter ihnen das Erdreich,
bohrendes Gewürm, Fäulnis
und das Morbide,
dort, wo wir alle enden werden,
früher oder später

Doch noch betört
der Duft blühender Kastanien,
der Nachgeschmack
lieblichen Weines

Strandkorb 634

Sich verkriechen bei Wind und Wetter.
Sicht gen Osten, in den vergangenen
Morgen, den aufkommenden Abend,
local time 6:34 p.m.

Pünktlich eingetroffen, stets um diese Zeit.
Der Einsamkeit begegnen, sie teilen,
vertreiben – darauf verstehen wir uns,
wir zwei

Eines Tages wird er fort sein.
Oder ich.
Was dann?

(Foto: Jan Behrens)

Im Raum

Stühle, Hocker
situativ wie beiläufig
neben einander
zu geordnet

Askese des Raums
legt Fokus auf
Nach Denken
Sinnen Sehen

Das Ensemble
spricht lockt mich
an lässige Kultur
der Betrachtung Reflexion

Prüfung Spekulation
für sich im
Austausch mit
unter einander

Fühl mich
zugehörig – du
auch wer noch
?

Die Klause I

Am Abend der Gang zur Klause,
ohne zu zögern, wie ein Zwang

die weiß gekalkte Wand, beschützendes Eck,
darin das Fenster, Rundbogen, neunfach geteilt,
Blattwerk, im Luftzug leise raschelnd

mitten die Bank, verwittert verblichen,
du setzt dich nieder, verweilst im Flug der Zeit

Die Klause II

Gedanken taumeln, ordnen, klären sich
Sorge, Leid drängen, geben nach, treten zurück

das Gewölbe hoch oben zieht Weite auf,
die Klause, Seelenort, der Anker
in der Tiefe des Moments

Die Klause III

Ruhe breitet sich aus
in der aufsteigenden Dämmerung,
wenn der Zeitenfluss zum Halten kommt

zeigen sich Wege und Sinn

was – weshalb
wohin

Stille sehen, Gondelrad

Nabe und Achse,
mittig im Rad,
achtzig Speichen,
der Strahlenkranz,
aufgeständert
an den Ufern

Steigen, Sinken im Rund,
Wechsel der Szenen,
verquirlt im Spiel
von Turn und Spin,
nicht Film, nicht Theater,
keine Silbe, keine Note

tropfen in die Stille

sehen