Alter Ego, Zwiegespräch

Im Zwiegespräch
die beiden,
eingetaucht in flämmendes
Flackern

Den eignen Schatten
als Alter Ego nehmen,
als Dunkles seiner selbst,
der zuhört und uns zuspricht

Nicht irriges Trugbild,
sondern Teil wahren Scheins,
Bote des Hintergründigen
in dir, in mir

Jugendfoto

Wie unschuldig er ist
und jung,
langes Haar, offener Blick

Fünfzig Jahre genau
liegen zwischen ihm und mir
und mehr als tausend Kilometer

Es ist das, was einst ein Leben gewesen,
wodurch er sich mir nähert
und ich mich ihm

Das war – ich – bin’s
nicht mehr

Halt das Bild in meiner Hand
traurig, kann mich nicht lösen

Was er wohl von mir hielte –
wenn ich sein Großvater wär‘

Ich hoff‘ so sehr, er tät mich mögen

Artisten im Rampenlicht

Zu balancieren scheinen sie
über staunenden Halmen
wie Artisten
im Rampenlicht
silberhell
voller Klarheit

Unmerklich sichert
das filigrane Netz
die Tautropfen
wie die Illusion
von Leichtigkeit
und Zauberei

Gesponnen in der Webstube
der Natur, ihren Gesetzen
gemäß, überstiegen
nur von der Phantasie
in dir und mir
und irgendwem

kostbar und so verletzlich

Am Rande des Parks

Blattwerk im Dunklen,
spärlich beschienen,
am Rande des Parks

Beschleunige meinen Schritt,
sporne mich an,
sicher ist besser, besser ist sicher

Vertreibe die Gespenster in meinem Kopf,
gehe mit festem Schritt, doch gelassen,
zeige Kontur, Statur, Unnahbarkeit

Bin auf der Hut zugleich, lass
Vor-Sicht walten, von begrenztem Nutzen,
wenn nichts zu sehen ist

Da hilft nur Lauschen,
Wittern, Ahnen, angespanntes
Lauern verkümmerter Sinne

Aufatmen, wenn die Tür ins Schloss fällt

Die schmale Enge

Da
geht’s durch
die Enge
zurück
gibt es nicht
bedrückend
die Angst
schnürt Atem ab
ein Fuß nach
dem anderen
Schritt
für Schritt
keine Aussicht
heißt nicht
aussichtslos
Halt durch
Glaube
ans Licht
an Dich

Bittersüßer Nachtschatten


Wortklang, Nachhall,
Traumgespinst

Gedanken spielen, schweben
ein, nicht recht zu greifen,
gefangen nehmen sie,
reizen die Phantasie,
in mir, in dir

Bittersüßer Nachtschatten,
voller Ambivalenz,
grazile Anmut und der Todesstoß,
lindernde Arznei, schleichendes Gift,
Flügel der Liebe, Sturz in den Schmerz

o Romeo and Julietbittersweet,
Drama der Schattennacht

Schwarze Holunderbeere

Dort, wo sie ihre Heimstätte wählt,
soll er am besten gedeihen.
Überlass ihr den Platz, gewähr Asyl,
dein Schaden wird’s nicht sein

Schweres Aroma
voller Süßlakritz,
gute Geister, flüsternd im Gezweige,
heilt er, der Holler

Sambucus nigra,
Hort der Magie, Tor zum Jenseits,
verdorrend den Tod verkündet er,
Teufelszeug, der schwarze Holunder

Nah beieinander Segen
und Fluch, widerstreitend
in Beeren, Blatt und Blüte,
Überlieferung, Glaube, Erkenntnis

Gebrochene Rechte, zerbrochene Kinder

Jedes Kind
hat ein angeborenes Recht
auf Leben, sagt die UN.
Jede Stunde
stirbt eine Schulklasse
in Afrika durch Gewalt.

Eines jeden Kindes
Überleben und Entwicklung werden
größtmöglich gewährleistet, sagt die UN.
Jedes fünfte Kind
weltweit lebt mit
Krieg oder bewaffneten Konflikten.

Das gebrochene Recht auf Leben dieses Kindes,
Tod, Verletzung, Unterdrückung,
statt Gesundheit, Fürsorge, Freiheit –
roh toben sich Ungeist Unbarmherzigkeit
Unmenschlichkeit aus.

Weißt du, warum
das so ist,
was zu tun wäre?
Sag nicht, es sei zu kompliziert –
das ist es nicht.

Utopie

Hinweis
Restaurant, London 2015

Angenommen
dieser Traum wäre
Realität
überall
weltweit
jederzeit

fact news
würden zu
fake news –

alle 10 Sekunden etwa
verhungert ein Kind,
über 800 Millionen
Menschen sind unterernährt

Terre des Hommes

Wann!

Appell

Fahrrad im Halbdunkel der Straße.
Abgestellt.

So ergeht es vielen.
Dingen wie Menschen und
so manchem Tier.

Das Fahrrad, es kann’s ertragen.
Es weiß, sein Besitzer ist auf ein Gläschen
oder zwei dort, wo Räder nicht erwünscht sind.
Die Heimfahrt wird meist lustig.

Das ist anders –
als bei Alten, Kindern,
Katzen, Hunden, für die der Abstellraum
zur Endstation geworden ist.

Wollen wir uns verabreden?
Nicht um zu weinen,
nicht nur –
lass uns helfen.

Allein wären wir nicht –
es nähert sich eine Klingel mit Rad.