stadtwittern

Ein poetisches Projekt über die Stadt, ihre Orte, Wege, Plätze.

Über Eindrücke, Gefühle, Gedanken.

Über Dasein, Abtauchen, Getriebenwerden.

Über Lebensentwürfe, Nischen, Brüche.

Das Haus und die Bank

Hoch oben im Rückraum
grün bewachsener Klippen

Du stehst.
Wie angewurzelt,
staunend, im Bann,
es verbietet sich das Weitergehen

Ein Haus, anmutend
wie ein futuristischer Monolith,
selbstbewusst in die Landschaft postiert,
blendend weiß,
so auch die Cliffs bei
St. Margaret’s über der Bay,
strahlend elegant

Hier wohnen.
Und so träum ich,
auf der Bank am Weg,
mich hinein und
hinweg im selben Moment,
über’s Meer,
das ich seh und hör

bescheiden und entrückt

Im Teich

Blätter im Teich.
Seerosen im Kreis.
Ein Bild der Harmonie,
mit Frosch,
getarnt, ungeküsst

Das will er bleiben,
wer weiß, wie es sich
als Prinz so lebt,
in erlauchten Zirkeln

Ach so fremd, so anders,
diese Ansprüche, denen
man genügen muss

Frosch im Teich,
darauf wird er lautstark beharren

mit den Rosen im Chor

Pfostensteiger

Leitungen über Land,
oben am Mast,
im Winkel verspannt

Kindheitserlebnisse
blitzen auf –
Männer mit Steigeisen und Gurt,
an hohen Pfosten
klettern sie empor,
als wenn das gar nichts wär,
arbeiten, an Fuß
und Hüfte fixiert,
frei Hand
in luftiger Höh,
wettergegerbte Gesichter,
gebleichtes Haar

Vom Kinde, und
nicht nur diesem,
grenzenlos bewundert,
umgibt
sie eine Aura
von Kühnheit, Wildheit,
Abenteuer.
Sieh zu ihnen auf,
und die Gedanken sprühen,
Wunschbilder gaukeln,
färben den Tag,
den Abend ein

Für Wochen spielen, sind,
alle Kinder Pfostensteiger,
furchtlose, wilde Gesellen,
auf sich gestellt, im
Lande unterwegs.
Der elterliche Abendruf,
ungern vernommen,
verschafft Atempausen,
Nahrung, unruhigen Schlaf.
Morgen schon sind sie wieder da,
Kinder gibt es nicht, nur Vagabunden,
Kämpfer für die Sache

Wie gern wär
ich noch einmal
dabei

Möve

Eine Sturmmöwe
hoch oben über uns,
Rabe des Meeres,
Pirat der Lüfte

Wagt sie die große Reise
über sturmgepeitschte See
nach Sansibar, Kap Hoorn,
Tahiti, Haifa, Finkenwerder Kutterhafen

Gelingt`s ihr loszulassen, der Sprung
ins kühne Abenteuer, Sieg über
Zweifel, Ängste, Widerstände,
und sei es ein einziges, einzigartiges Mal

Oder wählt sie das Los des Kulturfolgers,
die Brosamen zivilisierter Bequemlichkeit,
des hadernden, melancholischen Träumers –
wie bekannt einem dies doch ist

oder nicht?

Das Faultier

Da häng ich
geruhsam an Lianen und an Zweigen.
Schau
dem Fortschritt des Mooswuchses zu

Niemals, wirklich niemals
würde ich den Schnecken unter mir
nacheifern,
die gelegentlich vorbeieilen, ja hetzen

Wo wollen sie nur hin ohne Rast und Ruh?

Haben sie noch nie von der Endlosigkeit
des Augenblicks gehört –

von der kontemplativen Frucht
der Langsamkeit

Ach, sei’s genug

Wahrlich,
hab viel gedacht, gar nachgedacht

Adieu –

mein Blick verträumt, schläft ein
im grünen Schleier des Geästs

Gute Nacht!

(Foto: Detlev Hoffmann)



Jack in the box

Weißgrau silbernd
die urbane Silhouette, Hauptrollen
gewöhnt, begnügt sich widerwillig,
mürrisch mit schlichter Statisterie

Holztruhen massiv
laufen ihr den Rang ab, dunkle Gesellen
eines unbekannten Reichs, Bilder Bücher Kuriosa
fesseln Krämer Käufer Krakeler

Des Nachts
geckernd buntes Volk den Truhen entweicht,
Protaginisten angehäufter Gazetten Trödeleien,
malerische Gestalten, schillernde Helden,
krude Übeltäter

Trubel des Absurden
man tanzt, verrenkt sich, wirbelt jede mit jedem
zu lautloser Musik, nicht eine Vergangenheit ohne
Schuld, schneller schneller, Irrwitz in Trance –
Zusammen Bruch im Erwachen des Morgens

Versteinert schaut die Diva zu       

Familienausflug


Drei Boote
in ruhigem Fahrwasser,
Wasserspiegel eben und glatt.

Wie ein Familienausflug
halten sich, an den Seilen gefasst,
das Kind, voran, Mutter, Vater, hinterdrein,
Kernfamilie, Sonntag nachmittag.

Ein nostalgisch verklärtes Bild –
jeder weiß es.
Wie war das mit dem sonntäglich
mißmutig hinterherzottelnden Kind?

Was ist mit der Großfamilie,
Patchwork-, Regenbogen-,
Einelternfamilie, der Pflegefamilie,
dem Kibbuz und der Kommune?

Differenzen, ja.
Doch gilt, was das Bootsbild
zeigt – Zusammenhalt, Verbindung, Harmonie,
unverzichtbar im Fluss gemeinsamen Lebens.

Und es wirft Fragen auf.

Scabiosa

Wie Lampions im Wind,
Schwämmen gleich
im Ozean, scheinen sie
zu schwanken, zu treiben,
obzwar gehalten, gegründet
von gräsernen Stängeln

In Wahrheit nun
siedeln sie an Land,
weiß, violett,
Scabiosa, Kardenpflanze,
kratzig, krätzig,
in zartem Pastell

Das Schöne, scheu, entzieht sich gern,
weit hinaus ins All,
dorthin, wo ein Asteroid auf seiner Bahn
irgendwo zwischen Mars und Jupiter hängt
und den Namen (1228) Scabiosa trägt

fernab und doch so nah in einem

Menschen – Poetische Porträts

Das kleine Glück im Einmachglas

Das kleine Glück,
ihr kleines Glück ist groß,
bewahrt wie im Einmachglas,
Großvaters Bild vom Wald,
die Stadtlichter, Sternenhimmel des Nachts,
mit zwanzig wie einst als Kind erfahren,
Momente ihrer Geschichte
als Erfüllung

Die Zukunft,
unsere Zukunft fast aussichtslos,
der Kollaps nahend, so sieht sie es,
wie viele andere, jung meist,
tief enttäuscht, Besserung
kaum mehr erhoffend, sondern fordernd,
schnell soll, muss diese kommen,
voller Ambition klagt sie an 

In der Nische,
in ihrer Nische lebt sie
den Widerspruch vom Glück im Hinterhof,
bei sich und, draußen, dem Protest
in den Straßen,
ferne Länder, die sie bereist,
vielseits vernetzt, Blickwelten,
genordet wirkt sie, umtriebig zugleich

Zeit,
ihre Zeit verschwenden,
dies kann sie nicht, setzt sich ein für das,
was unabweisbar ist,
vordringlich, nachdrücklich,
angesichts der Nöte zu vieler Menschen,
von Kriegen, unzählig, unmäßig,
möglich der Niedergang

es schmilzt dahin das Einmachglas, es bricht,
das Ende – gegenhalten, jetzt

Hallo sagen, den Menschen, der Sonne, dem Wind

Anadolu.
Auf dem Land, im Dorf,
ächzend in der Glut des Sommers,
inmitten der großen Familie
wächst er auf, lebt wie ein Vogel so frei,
der Baum, Wohnstatt für ihn, die anderen Kinder,
Hahnenkampf, das Gezeter der Tiere, Männer nebenan,
Glückskind, er bewegt, lachend, zugewandt, die Herzen, 
Nächte auf dem Dach, die Sterne, Atem haucht in die Dunkelheit.
Flötenklänge, fern von den Bergen.

Jugendzeit.
Feuerrot, der Aufruhr,
es wird gemordet, Menschen hängen,
Aleviten, sein Volk,
Stärke kann man lernen, so er und wehrt sich
mit anderen, Genossen und Genossinnen,
es treibt sie in den Kampf, wird eng,
erstickt, verfolgt, flieht er
aus dem Land
ins andere, merhaba.
BRD.

Suche.
Nach Arbeit,
Überleben, Existenz,
er schuftet, geschenkt wird hier nichts,
Frauen kommen, manche gehen,
die Eine und die Kinder bleiben,
es gedeiht sein Imperium mit ihm,
so genießt er das Leben, Gespräche und Kultur
am Straßeneck, der Insel, eine Heimstätte,
durch ihn, für Menschen, die er um sich schart.
Gastlichkeit.

Spiegel.
Überall zu finden, in Fensterscheiben, Gesichtern,
Augen, das Letzte, betrachtet vor der Nacht,
in der er Vergangenes vermisst, träumend
von seinem Vater, spaßig, geberfreudig,
allerorten bekannt, verbunden mit ihm,
sich verlierend in Musik, die ohne Grenzen ist
wie die Liebe, Essen am großen Tisch, ein Lächeln,
es möge kommen wie er prophezeit, Wasser findet
seinen Weg, so auch Frieden, Gerechtigkeit, Kultur.
Humanität.

Hundert Jahr möcht‘ er werden

Nicht zurückgewichen,
bereits als Kind, schüchtern zwar,
doch kämpferisch,
wie in den Sagen des Mittelalters
tritt er ein für das, was wahr ist,
gerecht, es ist, wie es ist, und
anders nicht

So ist er noch und stets geblieben,
in den Sechzigern nun,
unbeirrt und trotzig, wenn im Recht,
analysiert die Menschen rings,
aus der Distanz, mit Vernunft und
kontrolliert, handle entschieden,
geh in die Ruhe, er, vor zurück – und still

Sternguckerzeit, die Nacht,
Auflösen des Beständigen im Traum,
tauchend in halluzinogene Metamorphosen,
so ist er auch,
bei den Plänen, tags, der Fron zuweilen,
er, das Leben ertragend,
ungeduldig wie stoisch

Schmetterlinge, flatternder Tand,
lockt aus der Geschäftigkeit,
ihn, den Forschergeist in die Spur,
nachspüren, Rätsel lösen,
Siegen im Experiment, im Spiel,
kleine Momente, ihm vergönnt,
Freude, die strahlt, die bleibt

Hundert Jahr möcht‘ er werden,
hat noch genug zu tun, zu sagen

Mondlichte

Hier im Land
im Übergang der neunziger, zweitausender Jahre
wächst sie auf,
Zwischengebiet türkisch-deutschen Lebens,
Land im Land
ohne Pass und Botschaft,
so viele kennen noch bereisen es,
die Großeltern sind‘s,
die sich kümmern,
Geborgenheit, Zuneigung geben,
eingewandert einst, innig geliebt

Früh schon
der Einschlag, unerwartet,
Rückwanderung der zwei ins Heimatland,
lockende Türkei, weit fort, aus den Augen,
weggerissen der Boden, auf dem sie stand,
lebte, sich bewegte,
verloren das Urvertrauen
in das, was doch immer da ist,
wie Sonne, Wind und Regen,
Freunde, Schule, Haus,
auch die Eltern, sie behüten, sichern ab

Neuanfang
heißt Um-Stellung, alles anders als zuvor,
sie wächst, nicht nur auf, sondern an sich,
es gibt Tiefen, Höhen, üblich wie dramatisch,
Freude, Frohsein, die Momente jenseits der Jagd
nach dem Glück, genießt sie
im Zusammensein mit Menschen
verschiedenster Provenienz, anatolisch, arabisch,
deutsch, armenisch, spanisch,
Integration, wie selbstverständlich
bei Essen, Trinken, im Gespräch

Toleranz, Akzeptanz
fordert sie ein, Ausgrenzung, Unverständnis,
Hass klagt sie an, werden bekämpft von ihr,
ihrer Verluste bewusst, der Aderlass,
den das Leben ansetzt, einfach so und plötzlich,
übt sie das Erholen, Aufstehen, Wege finden,
ihr Refugium die Familie, ihre Kinder
Herz erwärmend, wenn sie tanzen, die zwei,
dann jubiliert sie im Ein-Klang mit Natur und Erde,
mit sich, vollkommen im Schlaf,
beim Schein des Mondes, wolkenumflort

Ein Bild sich machen, wie die Welt ist

Brillant, silbern spitzt die Trompete,
dunkel, golden wärmt das Flügelhorn,
er haucht, bläst, wiehert, treibt, peitscht vorm Beat,
eskaliert den Puls, jagt kunstvoll
Kakophonien in den Äther,
umarmt, lullt ein, seufzt, schmatzt in Melancholie,
artistisch czardaneskes Spiel
mit Ton, Form, Zeit und Chorus,
ein Ungar eben,
Jazz aus Magyaroszág

Ohne die Mutter, den Bruder, die Musik wär nicht
seine dritte Heimat, ein Flügel
im spartanischen Geburtshaus in Apc,
die Kinder lernen Klavier, so die Mama
auf dem Land in Ungarn, und es geschah,
umgeben von Hühnern, Borstenvieh,
im Wechsel mit packenden Abenteuern der Jungenbande,
Schießgenuss mit Zwille, Pfeil u Bogen nah am Berg,
Ballspiel auf der Straße, die ihn eines Tages hinausführt,
jung noch, in die große Stadt

Budapest am Donauufer, Zenei Gimnázium, Musikinternat,
überwältigt, verängstigt vom Treiben der Metropole,
der Tag streng geregelt in Ablauf und Aufgabe,
erlebt er die Straßen der Großstadt als Labyrinth,
der Junge vom Land, ausgegrenzt, doch wehrhaft,
wählt er die Trompete als seine Stimme,
lernt, übt, verliert sich in der Fülle an Melodien, Etüden, Aufgaben,
erwirbt Anerkennung, Mitglied des Musikkaders,
Abschluss der Musikhochschule,
Zenemüvészti Föiskola

Leben wie eine Marionette, Soldat, Musikkorps, Kurorchester,
dann der Sprung, Liebe, Heirat, Deutschland,
Musiker, Musiklehrer, angekommen,
denkt er beständig nach über Welt und Leben, gleich, was er tut,
will ein Bild sich machen, wie die Welt ist, Kosmopolit,
andere als Lehrmeister, blickt er freundlich auf die Menschen,
ein Musiker als Forscher, als Philosoph, nüchtern sein Urteil,
dass wir, so wie gekommen, wieder gehen werden,
unspektakulär, eine zunehmend lärmende Episode der Natur,
verklingend ohne Nachhall zu gewisser Zeit, wird sie zerfallen

nur die Trompete klingt aus, weht in anderen Sphären,
Töne, derer acht, Wohlklang, Sehnsucht

Die Fesseln sprengen, die sie spürt

Ein Mädchen der achtziger Jahre,
früh schon läuft sie, gebärdet sich wild,
zieht Röcken, Kleidern Hosen vor,
lernt Handwerk vom Vater, der Wind bläst ihr ins Gesicht,
nicht nur beim Drachensteigen,
Boote und Seen liebt sie, rudert, segelt
in Schweden, unbändig dort ihr sommerliches Ferientreiben,
das Holzhaus der Großmutter ihr Refugium,
ein Junge möchte sie sein der Privilegien wegen,
unter Einschluss ihrer Weiblichkeit

Olle Emanze, so der Vater zu ihr und über sie,
versucht sie die Fesseln zu sprengen,
die sie spürt, erkennt mit der Zeit,
ohne öffentliches Vorbild, wie anders
sie fühlt, dem Klischee widerspricht,
Frauen liebt sie, ihr Coming Out
am Ende der Jugendzeit,
innen wie außen, die Klarheit, Deutlichkeit,
die sie schon als Kind gebraucht,
nun tritt sie ein

Erwachsen zu sein, das bedeutet Selbstbestimmung,
sie entscheidet, was zu tun ist und was nicht,
sieht Grenzziehungen als von anderen gesetzt,
Barrieren, die sich abbauen lassen
trotz der bedrückenden Angst im Innern,
so wie die Kanufahrt zum Studienende, durch die Mongolei
in kleiner Gruppe, sich überwindend, wochenlang
ganz auf sich gestellt, Schicksalsgemeinschaft
in wilder Natur, Wohnen in Jurten, Gastfreundschaft,
fremde Menschen, Kulturen begegnen sich, tasten einander  an

Beruf, sie begleitet Menschen auf ihrem Weg,
bewegt sich in steter Reflexion von Lebenssituationen,
in Liebe, Gemeinschaft mit ihrer Gefährtin als Paar,
das seit Jahren vollzieht, was sich Polyamour nennt,
Lieben und Leben mit mehreren Partnerinnen,
ein Modell im Horizont der Gefahr, verloren zu gehen,
die Ambition, loszulassen für das Neue, Schöne, Unentdeckte,
Vertrautes, Verlässliches in der Umwälzung,
Selbsterforschung auf Reisen in das Territorium
der eigenen Seele, deren unentdeckte Regionen

Die Energie folgt der Entscheidung, wohl wissend,
dass nicht bekannt, wo gelandet wird